Die Winterthurerin Anne Weber erzählt aus ihrem Leben (Quelle:www.frauennet.ch).

Die Familie
Meine Eltern waren gerade ein halbes Jahr verheiratet, als der Vater starb. Auf der Hochzeitsreise hatte er sich bei einer Bootsfahrt auf den Meer bei Genua in einem Gewitter eine Lungenentzündung geholt, von der er sich nicht mehr erholte. Erst in den vierziger Jahren kam aus Amerika das Penicillin, das erste Antibiotikum, das ihn hätte retten können. Meine Mutter kehrte in ihr Elternhaus zurück, wo ich geboren wurde. Ich habe an dieser Vaterlosigkeit in meiner Kindheit und namentlich während der Pubertät unsäglich gelitten. Ich konnte auch nicht begreifen, weshalb ich kein Schwesterchen haben durfte wie die andern Kinder, und habe bei Mutter immer wieder darum gebettelt. Es muss ihr wohl sehr weh getan haben.

Bild: Tellstrasse 1931 (Quelle: Internet)

Meine Mutter konnte mir die Führung nicht geben, deren ich bedurfte. Dass ich später im Mann den Vater gesucht habe, war ein grosser Fehler. Meine Jugendliebe ist daran zerbrochen. Trotz Kinderwunsch hätte ich nie ein Kind allein aufziehen wollen, weil ich wusste, was es bedeutete, keinen Vater zu haben.

Bild: Tellstrasse 1934 (Quelle: Internet)

Der Pfarrer, der mich konfirmiert hatte und den ich sehr verehrte, hätte mir Halt geben können. Aber er sagte mir: „Wenn du wirkliche Probleme hast, kannst du kommen. Zum Schwatzen habe ich keine Zeit.“ Ich habe ihn nur zweimal in seelischen Nöten aufgesucht. Mehr wagte ich nicht. So bin ich in meinem ganzen Leben immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen worden und habe schliesslich das Alleinsein gelernt. „Leben ist Einsamsein“, sagt Hermann Hesse.

Mutter konnte recht launisch sein, und ich hatte mir schon früh gesagt, dass ich so einmal nicht werden wollte. Ich habe mich deshalb immer bemüht, meine Launen nicht an meiner Umgebung auszulassen. So können negative Eigenschaften durchaus positive Wirkungen zeitigen.

Bild: Hauptbahnhof um 1900 (Quelle: Stadt Winterthur)

Im grosselterlichen Haus herrschte ein Sippenzusammenhang, wie er heute selten geworden ist. Meine Grossmutter wurde nach ihrem Sturz mit 81 Jahren von ihren Töchtern mit Unterstützung der Gemeindeschwester ein Jahr lang zu Hause gepflegt, bis sie starb. Auch meine Cousine behielt ihre alten Eltern samt behinderter Schwester bis zu deren Tod in ihrer Familie, und ich habe sie und vor allem ihren Mann immer dafür bewundert.

Grossmutters Domäne war die Küche. In lebhafter Erinnerung sind mir ihre herrlichen Apfelküchlein. Es waren die besten, die ich je gegessen habe. Im Februar jeweils wurde ein Tag zum Herstellen von Fasnachtsküchlein reserviert. Am frühen Morgen machte Grossmutter den Teig und formte daraus kleine Kugeln. Bann halfen alle mit, diese über dem Knie auf einem frischen Küchentuch zu einem hauchdünnen „Blätz“ auszuziehen, der hierauf zum Trocknen ausgelegt wurde.

Bild: Haubtbahnhof um 1860 (Quelle: Stadt Winterthur)

Am späten Nachmittag begann das Backen in heisser Butter. Mit zwei Schindeln wurden die Küchlein gedreht und herausgehoben, und ich durfte sie dann mit Puderzucker bestreuen. In einer grossen Wäschezeine, mit sauberen Tüchern ausgelegt, wurden sie aufgestapelt und reichten dann bis gegen Ostern zur Bereicherung der Abendmahlzeit.

Nachmittags pflegte Grossmutter mit ihrer Frivolité-Handarbeit am Fenster zu sitzen. Sie schuf prächtige Spitzengebilde aus Garn oder Seide, die für Wäsche oder Kleider Verwendung fanden. Sie wollte mir ihre Kunst beibringen, aber ich habe es trotz manuellem Geschick nicht geschafft. Heute kennt man diese Handarbeit kaum noch.

Bild: Hauptbahnhof mit Tram um 1930 (Quelle: Stadt Winterthur)

Die älteste der drei Tanten war meine Gotte. Sie hat noch mit 60 Jahren ins Tessin geheiratet. Ich habe bei ihr oft herrliche Ferien verbringen dürfen. Erst als sie mit 80 Jahren starb, wurde mir bewusst, wie sehr sie mich geliebt hat, als ihre Stimme ausblieb, mit der sie mich bei ihren allwöchentlichen Telefonanrufen beim Namen nannte.

Die mittlere, Tante Marie, hatte am meisten Verständnis für mich. Sie stand mir innerlich näher als selbst die Mutter. An ihrem ausgeprägtem Schönheitssinn hat sich mein eigenes Schönheitsempfinden geschult. Sie war immer sehr gepflegt, mit Hut und Handschuhen, wenn sie ausging. Ich glaube, sie wäre entsetzt, wenn sie sehen könnte, in welcher Aufmachung die Menschen heute in den Strassen der Stadt herumlaufen.

Sie war eine begabte Damenschneiderin – heute würde man sagen „Modelliste“. Ich verbrachte Stunden bei ihr in der Nähstube und setzte aus Knöpfen „Patisserie-Stückchen“ zusammen. Sie hatte eine wunderbare Stimme, und ich liebte es sehr, wenn sie mir Lieder sang. Später, als ich nähen konnte, musste ich in den Schulferien unter ihrer Anleitung meine Kleider nähen, diese „Self-made-Mode“ habe ich mein Leben lang beibehalten. Frühling und Herbst kam jeweils ein Vertreter vom Stoffhaus Fenner in Zürich mit der neuesten Kollektion. Dann durfte ich etwas besonders Schönes auswählen. Manch hübsches Kleid, das sie mir nähte, wenn sie Zeit dazu fand, ist mir noch heute in Erinnerung.

Oft wurde ich auch für Botengänge ausgeschickt. Das schlimmste für mich war der Mercerieladen Thalmann am Kirchplatz. Dort war es üblich, ein Kind stehen zu lassen, bis alle Erwachsenen bedient waren, selbst wenn es längst an der Reihe gewesen wäre. Ich habe später dieses Geschäft auch als Erwachsene nie mehr betreten.

Tante Maries Idee, Nähstunden für Hausfrauen anzubieten, war damals etwas völlig Neues. Und die Frauen schätzten es auch, dass sie mit manchen Problemen zu ihr kommen konnten. Auch als Lehrmeisterin war sie sehr beliebt. Mit ihrer ersten Lehrtochter hat sowohl sie wie mich eine lebenslange Freundschaft verbunden.

Einmal nähte sie einer Freundin von mir ein Abendkleid für einen Ball. Diese war in Sorge, ob sie ihr Freund heiraten würde. Tante Marie sagte: „Warte nur, ich mache dir ein Kleid, dass er dich heiratet.“ Und er war tatsächlich so hingerissen, dass es nicht lange dauerte, bis sie seine Frau war.

Doch sie war eine reine Künstlernatur und hat es nie verstanden, ihre Gaben finanziell zu nutzen.

Die jüngste Tante war der Despot im Haus. Ihre wiederholten depressiven Anfälle waren gefürchtet. Sie konnte dann recht bösartig sein. Schon mit wenigen Jahren stellte ich fest: „Du bist viel zu jung, um Tante zu heissen.“ Und dabei ist es geblieben. Sie war einfach die Els.
Sie besass eine begnadete Hand für Massage und liess sich mit 28 Jahren am Kantonsspital Zürich zur Physiotherapeutin ausbilden.

Das Quartier
1892, als mein Grossvater das Haus im Neuwiesenquartier bauen liess, lag unterhalb des Gartens noch eine Wiese. Noch in meiner Jugend konnte man, vom Bahnhof aus die Salstrasse abwärts gehend, in der Ferne den Kirchturm von Wülflingen sehen. Fünf Minuten westlich vom Bahnhof befand sich ein Bauernhof, wo ich als Kleinkind mit einem Kessel die Milch holen musste. Wo heute die Gewerbeschule steht, weideten die Kühe. Oft zogen sie auch durch die Strassen zu der Wiese, auf der sich jetzt die Eulachhalle befindet.

Viele der benachbarten Häuser hatten als Bauherr den alten Ackeret, an den noch die Ackeretstrasse erinnert. Er besass zwei Töchter. Als der Verehrer der Jüngeren bei ihm um Ihre Hand anhielt, sagte er: „Erst kommt die Ältere dran.“ Nun, dann war es eben die Ältere. Als sie starb, erhielt er dann doch noch seine Liebe.

Bild: Postkarte Wartstrasse 1900 (Quelle: Stadt Winterthur)

Da die Strassen noch keinen Asphaltbelag hatten, waren sie im Sommer, wenn es lange nicht geregnet hatte, oft sehr staubig. Dann kam der Spritzenwagen zum Einsatz. Das war ein graues, schwarz bereiftes Fass, von einem Pferd gezogen, und hinten spritzte als breiter Fächer das Wasser heraus. Für Kinder, die barfuss gingen, galt es als besonderes Vergnügen, hinterher zu laufen, um die nackten Beine in den Wasserstrahl zu halten.Das grosse Backsteingebäude, wo jetzt die Schulmaterialverwaltung untergebracht ist, war die Schuhfabrik Bratteler. Im Sommer, bei offenen Fenstern, hörte man weithin die Treibriemen surren. Bewacht wurde sie von einem Bernhardinerrüden, der während der Woche an der Kette lag. Sonntags aber war er frei. Er begegnete mir eines Tages auf meinem Weg zur Sonntagsschule. Da ich mir einbildete, mit jedem Tier zurechtzukommen, streckte ich ihm die Hand zum Beschnuppern hin. Er aber biss zu. Doktor Friedrich, der Kinderarzt der Stadt, (er war der Vater von alt Bundesrat Friedrich) verarztete mich. (Er war auch der Erste in der Stadt, der ein Auto besass.) Er bemühte sich auch darum, dass mir ein Schmerzensgeld ausbezahlt wurde.

Der Zwischenfall behütete mich nicht vor einem weiterem Hunde-Abenteuer. An der nächstem Strassenkreuzung, einander diagonal gegenüber, wohnten zwei Bosshards. Zur Unterscheidung nannte man den einen den Bürsten-Bossert (weil er mit Bürsten handelte), den andern Stündli-Bossert (weil er einer religiösem Gemeinschaft angehörte). Der Bürsten-Bossert besass einem schwarzen Zwergspitz, das Hexli, welches die Gewohnheit hatte, sich mitten auf die Strassenkreuzung zu setzen, um nach allen Seiten Sicht zu haben. So sass es auch einmal, als ich zu ihm trat und mich bückte. Aber ohä: Mit einem Satz schoss es auf und hängte sich mir an die Nase.

Einmal gab mir Tante Marie eine eben beschriebene Karte auf den Schulweg mit, um sie einzuwerfen. Als ich vor dem Briefkasten stand, war die Tinte noch nass. Kurz entschlossen läutete ich beim Haus dahinter bei Frau Benz und bat sie, die Karte später für mich einzuwerfen.

In einem altem Haus – heute steht dort ein Neubau – lebte ein Geschwisterpaar. Der Mann besass die Manie, alles zu sammeln, was noch irgendwie brauchbar war. An Tagen der Müllabfuhr pflegte er durch die Strassen zu streifen und nach Hause zu bringen, was er nur konnte. Als dann die ganze Ernte eines Tages in Flammen aufging, war der Fluchtweg mit brennenden Kartons versperrt. Aus den Fenstern schrien die Beiden um Hilfe.

Einmal in der Woche kam das „Sandmeitli“ vorbei. Es führte in seinem Leiterwägelchen Ovomaltinebüchsen voll Flusssand mit, von denen man jeweils eine kaufte, um am Samstag die Sandsteintreppe am Haus damit einzureiben, dass sie schön hell wurde.

Zweimal im Jahr erschien auch der „Zigermaa“ aus dem Glarnerland, der Herr Küng, Er brachte auf seinem Holzräf, das er auf dem Hucken trug, grosse grüne Zigerstöcke von 1 Kilo Gewicht, von denen die Grossmutter jeweils zwei kaufte.

Ab und zu hörte man auch den Lumpensammler in den Strassen rufen: „Lumpe, Ziitige, Heftli„. Er muss ein gutes Geschäft gemacht haben, denn er konnte sich später am Taggenberg eine Villa bauen.

Auch der Milchmann mit seinem zweirädrigen Karren ist aus den Strassen verschwunden, der noch bis nach Mitte des letzten Jahrzehnts die frische Milch in jedes Haus gebracht hat. Die Past-Milch hat ihn überflüssig gemach.

Die Bauern der Umgebung lieferten direkt ins Haus. Von Buch am Irchel brachte der Herr Moor Kirschen, von Hofstetten der Herr Feter ganze Zeinen voller Äpfel, Goldparmänen, Danziger Kant, Gallwiler, Zitrönler, und auch Bchenscheite für den Kachelofen. Grossmutter wendete die Schnitze vor dem Weichkochen in brauner Butter. Ich versäumte nie, dem Wagenpferd einen Zucker zuzustecken. Aus Ohringen kam Frau Ackeret und später ihre Tochter, Frau Stucki, mit grossen Butterballen, welche Grossmutter dann aussott und in Steinguttöpfe abfüllte. Die Rückstände, die sogenannte „Lüre„, war für mich ein begehrter Brotaufstrich.

Und erst die Strasse! Sie war unser Spielplatz. Autos gab es noch kaum. Abends, wenn die Aufgaben gemacht waren, bettelte man bei der Mutter: „Darf ich noch ein wenig auf die Strasse?‘ Dort gab es Stelzenlaufen, Kreiseln, Chlürle (Murmelspiel), Reifenschlagen, Springseil und Ballspiele.

Als in der Nachbarschaft das Liseli Haug an Tuberkulose starb, begegnete ich zum erstenmal in meinem Leben dem Tod. Wir Kinder, die wir mit ihm gespielt hatten, durften von ihm Abschied nehmen. Da lag es nun auf seinem Totenbett, mit Blumen bekränzt, ein unendlich grosses, unfassbares Rätsel.

Als in einem Nachbarhaus ein Kleinkind starb, flocht meine Mutter mit mir ein Kränzchen aus Efeu und Blumen, das ich ihm dann bringen durfte. Der Solidarität meiner Mutter verdanke ich es auch, dass mir noch im Alter ein ehemaliger Nachbar bei groben Arbeiten in Haus und Garten zur Hand ging. Sie hatte den jungen Leuten zur Geburt ihres ersten Kindes ein Jäckchen gestrickt.
Auf die Nachbarn konnte man sich verlassen. Als an einem Neujahrsmorgen ein Teil der Birke beim Gartentor unter der in der Nacht gefallenen Schneelast zusammengebrochen war, stellten sich ungerufen vier Männer ein und schafften in mühsamer Arbeit den Eingang frei. 

 

Herr Egg

Er war Oberstufenlehrer an der Primarschule. Unser Klassenzimmer war das Schönste im Schulhaus, denn ein chemisches Experiment mit einer sechsten Klasse hatte in einer Explosion geendet, und er musste das Zimmer auf eigene Kosten wieder herstellen lassen, beim Militär bekleidete er den Rang eines Majors. Entsprechend war seine Schulführung. Mädchen wie Knaben wurden keim Familiennamen gerufen. Einzige Ausnahme bildete das Heidi Sulzer, die Klügste unter den Mädchen. Er galt als Feind alles Weiblichen. (Erst viel später habe ich erfahren, dass er sich neben seiner Frau eine Freundin hielt.) Wenn wir Mädchen Handarbeitsunterricht hatten, pflegte er aus Protest mit den Knaben etwas besonders Spannendes zu unternehmen. Einmal, als das Handarbeits-Examen bevorstand, hatte uns die Lehrerin vor Schulbeginn noch für ein paar Informationen zusammengerufen. Als wir dann ins Klassenzimmer hinübererwechselten, stand Herr Egg im Flur. Wir mussten im Gänsemarsch an ihm vorbeidefilieren und jede eine Ohrfeige einkassieren.

Sein Ehrgeiz war, mit uns zweistimmig zu singen. Meine Stimmlage prädestinierte mich für die zweite Stimme, aber meine Musikalität genügte den Anforderungen nicht. Als ihm dann aus meiner Gegend ein paar falsche Töne entgegenklangen, griff er mich mit einer Ohrfeige heraus: „Kannst wieder auf den Misthaufen! So hiess bei ihm die erste Stimme. Als ich dann Klavierstunden nehmen durfte und Mutter mir ein Instrument kaufte, meinte er: „Schliess dein Klarier ab und bring mir den Schlüssel“.

Wenn ich es auch nicht weit gebracht habe, so hat der Unterricht doch wenigstens mein Musikverständnis gefördert.

Einmal organisierte er einen Wettbewerb; Die Erstellung eines Futterhäuschens für die Vögel. Es war offensichtlich, dass er damit die Knaben bevorteilen wollte. Ich war verzweifelt, konnte ich doch überhaupt nicht mit Hammer und Nagel umgehen. Mit Hilfe meines Onkels brachte ich dann doch ein recht ansehnliches Werk zustande.

Als Sonnen-Fanatiker startete er vor den Sommerferien einen Wettbewerb: Wer nach den Ferien am braunsten zurückkam, sollte ein Buch gewinnen. Wir waren unser zwei, ein Junge und ich, beide gleich braun. Aber die Sonne wurde mir dann auch zum Verhängnis. In der Julihitze mussten wir auf der Schützenwiese die Flächenmasse praktisch lernen. Danach lag ich zwei Tage lang mit einem Sonnenstich zu Bett. Ich habe ein Leben lang an den Folgen zu tragen gehabt. Und ich war nicht die Einzige.

Einmal ging ich nach der Schule nicht direkt nach Hause, sondern in der Richtung, die Herrn Egg’s Heimweg war. Er fragte mich, wo ich denn hin wolle. Ich dachte mich möglichst gescheit auszudrücken und 

Bild: Schulhaus Neuwiesen 1900 (Quelle: Stadt Winterthur)

antwortete: „Ich muss noch Butter holen.“ „Me seit Anke!“, fuhr er mich an. Das habe ich sehr beherzigt und seither die Mundart gebührend gepflegt. Als ich dann aber in späteren Jahren einmal in einem Gasthof Nidel verlangte, fragte die Serviererin: „Was ist das?“ Ja, man versteht heute besser Englisch als Mundart. Wer weiss denn noch, was eine „Stuche“ ist? (Kopftuch) Oder ein „Gätzi“? (Schöpfkelle für die Waschküche). Dafür wird beim Schreiben von Mundart mit ä statt e um sich geschlagen, was so falsch wie hässlich ist. Beim Bauerndichter Willy Peter kann man lernen, wie Mundart geschrieben wird.

 

Das Leben dieses Lehrers hat dann auch ein entsprechendes Ende gefunden. Während der Grenzbesetzung im Zweiten Weltkrieg befahl er einem Soldaten, einen Bunker zu bewachen und zu schiessen, falls jemand den Befehl „Halt“ missachtete. Dann stellte er den Mann auf die Probe. Trotz dem Ruf „Halt“ schritt er weiter, auf den Bunker zu. Der Soldat schoss….. Hätte er es nicht getan, wäre er im Arrest gelandet.

Nun, gestohlen hat er sein militärisches Gehabe wohl nicht. Von meiner Mutter hörte ich, dass schon sein Vater als Stadtpolizist den Marktfahrern auf dem Wochenmarkt jeweils Angst eingeflösst habe.

Und trotz allem: Er war ein vorzüglicher Lehrer.

Studentenverbindungen und K y b u r g -Serenade
In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gab es an der Mittelschule noch die Farbenverbindungen. Wer etwas auf sich hielt, trug Farbe. Da war als grösste und älteste die prestigeträchtige Vitodurania mit den blauen Mützen, welche die Trinksitten pflegte. Dann die abstinente Humanitas mit den roten Mützen und dazwischen die Schwarzmützen der Fraternitas. Die „Besen“, das waren die Mädchen, die jeweils zu den Tanzkursen eingeladen wurden, rekrutierten sich zumeist aus der Höheren Töchterschule, welche deshalb einfach die „Besi“ hiess. Im Mai gab es einen „Besenbummel“, natürlich mit anschliessendem Tanzvergnügen. Dafür durften dann diese „Besen“ den Burschen den Zirkel, das Zeichen der Verbindung, auf die Mütze sticken. Da gab es an der Stadthausstrasse, dort, wo jetzt das moderne Geschäftshaus zum „Delfin“ steht, das Handarbeitsgeschäft Müller und Wyss, das zwei Freundinnen führten. Dort wurde der Zirkel auf die Mütze gepaust. Wer verliebt war, liess sich von Fräulein Wyss in der Technik des Stickens mit dem Goldbrokatfaden anweisen und machte sich an die Arbeit. Die Anderen gaben den Auftrag dem Geschäft. Auf dem Band der Verbindung, welches die Burschen schräg über die Brust trugen, wurde der Name des Mädchens eingestickt .Die farbigen Mützen sind heute aus dem Bild der Stadt verschwunden. Farbe zu tragen scheint ein alter Zopf zu sein.

Diesen Mittelschulverbindungen war aber die Entstehung der Kyburg-Serenade zu verdanken, welche schliesslich in der Kyburgiade aufgegangen ist. Sie wurde immer vom Winterthurer Streichquartett bestritten, mit dem legendären Antonio Tusa, welcher sein Cello genauso liebevoll im Arm hielt wie der steinerne Löwe auf dem Brunnen des Schlosshofs das Kyburger Wappen in seiner Pranke.

Man stieg jeweils zu Fuss, meist ein paar junge Leute zusammen, über den Rossberg hinauf zur Kyburg. Nach dem Konzert war in der Gartenhalle des Gasthauses Hirschen Tanz, zu dem auch die Musiker erschienen.. Frau Morf vom Hirschen kredenzte ihre herrliche Erdbeerbowle. Danach wanderte man durch den nächtlichen Eschenberg zur Stadt. Einmal kamen wir präzis zum Sonnenaufgang auf dem Aussichtsturm an. Danach reichte es zu Hause gerade noch zum Umziehen für den Sonntagmorgenritt. Tempi pasati!

Pflanzen , Blumen
Mein verstorbener Grossvater war Gärtner gewesen. Von ihm muss ich wohl meine botanischen Neigungen mitbekommen haben. Schon früh erhielt ich ein grosses Pflanzenbuch geschenkt und ein Blumen-Quartettspiel. Bald wusste ich, wann welche Blumen wo blühten. An der Mittelschule waren mir die Botanikstunden bei Professor Geilinger die liebsten. Mit Begeisterung pflegte ich die Pflanzenbestimmung nach „Schinz und Seiler“. Über die Sommerferien hatten wir dreissig Pflanzen zu bestimmen. Ich hätte mit Leichtigkeit hundert geschafft, aber die Klassen-Solidarität verbot es, den Rahmen zu sprengen.Das wurde mir dann im Hauswirtschaftslehrerinnen-Seminar zum Verhängnis. Die Gartenbau-Lehrerin schien eine panische Angst davor zu haben, eine ihrer Schülerinnen könnte mehr wissen als sie. Ein Mädchen aus der oberen Klasse, das Matura-Abschluss hatte, musste besonders darunter leiden. An der Diplom-Prüfung wurde ich von Professor Schinz, der die Prüfung abnahm, nach dem Zwischenwirt des Gitterrostes befragt. Ich wollte gerade antworten: „Der Sefibaum“. Da fuhr meine Lehrerin dazwischen: „Das kann sie nicht wissen“. Und augenblicklich war das Wort in meinem Hirn gelöscht.

Einmal wurden wir zu einer Exkursion ins städtische Schlachthaus aufgefordert. Der Anblick wühlte mich derart auf, dass ich davonlief. Beim Essen dann machte sie sich über mich lustig: Sie vollführe auch kein solches Theater, wenn man ihre Salatköpfe esse.

Eines Tages wurde uns vergorenes Rhabarberkompott aufgetischt. Da ich diese Speise sehr liebte, ass ich trotzdem mit Appetit. Dafür lag ich dann nachher mit Erbrechen im Bett. Ihr Kommentar: „Sie hat sich überfressen“. So kam es, dass mir diese Lehrerin das Gärtnern für lange Zeit gründlich verleidete.

Meine Liebe zu Pflanzen und Blumen schien unter einem schlechten Stern zu stehen. Schon in meiner Kinderzeit, wenn ich dachte, Mutter mit einem Strauss Wiesenblumen eine Freude zu machen, war die Reaktion: „Bringst wieder so einen Besen!“

Jahre später hatte ich an einer Zaunseite auf der ganzen Länge Stockrosen gepflanzt. Sie strahlten in allen Farbtönen von rosa bis dunkelrot, zur Freude von Nachbarn mit Ausnahme der nächsten. Eines Morgens waren sie alle geköpft, weil sie ihre Samen über den Zaun verstreut hatten. Da ich sie nicht entfernte, war eines Tages der ganze Boden mit einem weissen Pulver bestreut. Ich liess es auf dem Gesundheitsamt untersuchen. „Es ist kein Gift, nur Kochsalz. Sie können nichts machen“, war der Bescheid. Aber der Boden war auf lange Zeit ruiniert. Dann pflanzte ich Sträucher, um mich von diesen Nachbarn abzuschirmen.

Auch viele Jahre später, als ich versuchte, aus unserem Garten eine natürliche Oase zu machen, wurde mir alles, was ich pflanzte, von Els wieder ausgerissen oder zurückgeschnitten, bis es verschwand. Eine junge Lärche wurde gefällt, weil sie so unordentlich war, im Herbst ihre Nadeln abzuwerfen, die man nicht zusammenrechen konnte.
Schliesslich gab ich auf, und als ich dann allein zurückblieb, konnte ich bald einmal altershalber nicht mehr im Garten arbeiten.

Literatur
Mein allererstes Buch waren die reizenden Kindergeschichten von Müller und Blesi, aus dem meine Mutter mir vorlas, als ich noch nicht lesen konnte. „Tom Bäumlein, das goldene Blätter hat gewollt„ konnte ich nicht genug bekommen. Dann folgten die Bücher von Johanna Spyri, bis ich einmal eines Tages auf eine Geschichte stiess, in der ein kleiner weisser Spitz starb. Vor Empörung weinend fragte ich: „Warum lässt sie diesem Hund sterben, wo doch alle Geschichten für die Kinder immer glücklich ausgehen?„ Von da an war Spyri für mich erledigt. Nun kamen vor allem Tierbücher dran. Von dem bekannten Wegbereiter der Tierliteratur, Ernest Thompson-Seaton, besass ich sämtliche Werke. Ich las Waldemar Bonsels und Manfred Kyber. Später dann hatte es mir Theodor Storm angetan. Als ich aus der Mittelschule austrat, besuchte ich während eines Jahres praktische Kurse an der Frauenfachschule. Nach der kopflastigen Schule genoss ich diese handwerkliche Tätigkeit. Aber an zwei Morgen lernte ich Englisch, an zweien studierte ich Literaturgeschichte.

Einen entscheidenden Impuls erhielt ich durch die philosophischen Schriften von Robert Saitschik, der sogar zu einer persönlichen Beziehung führte. Ich habe überhaupt den Eindruck, dass einem das richtige Buch immer im richtigen Moment in die Hände fällt.

Eine Sonderstellung hat für mich immer Goethe eingenommen. Seine Werke kann man jederzeit aufschlagen, man findet in jeder Lebenslage immer etwas, das einem weiterhilft.

Als ich das Buch von Eduard Engel „Was bleibt?„, Weltliteratur, geschenkt bekam, begann ich systematisch meine literarischen Lücken zu stopfen. Eine grosse Hilfe war mir dabei die unvergessliche Frau Vogel, die Grossmutter des heutigen Geschäfts-Inhabers. Sie hat mir manches Werk antiquarisch aufgetrieben, das nicht mehr im Handel war. Nach ihrem Tod, als ich ihrem Sohn kondolierte, erzählte er mir, sein Vater habe auf dem Sterbebett zu ihr gesagt: „Alte, wenn du stirbst, dann stirb net im Dezember„ (der strengsten Zeit in der Buchhandlung). Sie hat das beherzigt und ihr Sterben in den Januar hinausgezögert.

Gottfried Keller kann man immer wieder lesen. Spät erst kam ich auf Spitteler. Umso intensiver befasste ich mich jetzt mit ihm. Ich beschaffte mir sämtliche Werke in Pergament-Ausstattung.

Bei der modernen Literatur bin ich vorsichtig.. Es gibt Perlen wie Khalil Gibran, Paulo Coelho oder den feinsinnigen Dino Larese mit seiner Amriswiler Akademie, wo man Persönlichkeiten wie Konrad Lorenz oder Carl Zuckmayer begegnen konnte. Als Konrad Lorenz der Nobelpreis verliehen wurde und aus Anlass seines 70. Geburtstages lud ihn Dino Larese zu einer Feier in seine Akademie ein, und Carl Zuckmayer hielt die Laudatio.

Was mich abstösst, ist die Fäkaliensprache vieler heutiger Autoren.. Wo die Aesthetik aufhört, hört für mich auch die Kunst auf.

Kriegsjahre
Die erste weltgeschichtliche Erschütterung, die ich als bewusster junger Mensch erlebte, war der Verrat an der Tschechoslowakei durch das Münchner Abkommen, als Premierminister Chamberlain mit dem obligaten Regenschirm am Arm beim Verlassen des Flugzeuges in London den Menschen verkündete: „Peace for our time!“ Diese „Zeit“ hat dann gerade ein Jahr gedauert.

Ich war ein Kind des ersten Weltkrieges, das als erstes Wort nicht „Mutter“, sondern „Soldat“ sprechen konnte. Am 1. September 1939 – im Frühling hatte die Landesausstellung, die unvergessliche „Landi„“ ihre Tore geöffnet- da brach auch der Krieg aus. Ich lebte damals in Zürich und war eben 25 Jahre alt. Als mich die Nachricht erreichte, ging ich schwimmen. Ich schwamm und schwamm den Zürichsee hinauf, immer weiter und weiter, um meine Emotionen loszuwerden. Danach meldete ich mich beim Frauenhilfsdienst (FHD). Auf dem Axenfels ob Brunnen fand der Einführungskurs statt. Die Kameradschaft war eindrücklich. Wir schliefen auf Strohsäcken.

Da ich damals im Schulunterricht tätig war, konnte ich meinen Dienst in den grosszügig bemessenen Ferien leisten. Das war zunächst in der Küche der Fliegerabwehr in einem unterirdischen Bunker in der Stadt Zürich. Einmal begegnete ich auf der Bunkertreppe einem höheren Vorgesetzten, als ich gerade mit einer Ölflasche daherkam. Die Achtungsstellung misslang mir so ziemlich, weil ich aufpassen musste, dass mir die Flasche nicht entglitt. „Kochen können Sie, aber ein Soldat sind Sie nicht“ hiess es.

Unser Hauptmann setzte seinen Stolz darin, eine gutgekleidete Einheit zu haben. Er liess uns nach Mass Uniformen auf seine Kosten anfertigen. Für die Blusen kaufte er die damals aufkommende Viscose – Baumwolle gab es keine mehr – und für die Strümpfe kaufte er sonst kaum mehr erhältliche Strickwolle ein uns liess sie uns selbst anfertigen. Kaput, Helm und Mütze erhielten wir aus dem Zeughaus. Bei diesem Vorgesetzten fand ich auch viel Solidarität , als ich auf einmal mit Mahnbriefen eingedeckt wurde. Ich hätte einen Radioapparat gekauft haben sollen, den ich nie gesehen hatte. Es kam bis zur Androhung der Betreibung. Da begleitete mich mein Hauptmann zu dem Rechtsanwalt, der die betreffende Firma vertrat. Man legte mir einen Kaufvertrag vor, der wohl meinen Namen trug, nicht aber meine Schrift. Es stellte sich dann heraus, dass da ein Vertreter sich in eine Beiz gesetzt und Kaufverträge angefertigt hatte, die er eigenhändig mit beliebigen Unterschriften versah, um so zu seiner Provision zu kommen.

Danach folgte die nächste Überraschung., Als ich meinen Lohn empfing, stellte ich fest, dass er um die Diensttage gekürzt worden war. Dabei hatte ich meinen Dienst in den Ferien geleistet. Und dafür sollte ich nun bestraft werden! Als ich im Stadthaus deshalb vorstellig wurde, schickten sie mich von einem Büro ins andere: Einen solchen Fall hätten sie halt noch nie gehabt. Ich hatte das ganze Stadthaus durchlaufen, ehe ich endlich zu meinem Recht kam.

Anlässlich einer FHD-Tagung begegnete ich dem General. Es war ein Mann mit Charisma. Eine Frau aus unserer Einheit durfte ihm einen Blumenstrauss überreichen. Mit seinem welschen Charme küsste er sie auf die Wange. „Jetzt wasche ich mich eine Woche lang nicht mehr“, verkündete sie danach.

Einmal musste ich im Albisgüetli die Teilnehmer eines Schiesskurses verpflegen. Zur Unterstützung hatte ich eine FHD und einen Hilfsdienstler, der aber so schmächtig war, dass ich die schweren Restaurant-Pfannen selber herumbugsieren musste, mit dem Resultat einer Nervenentzündung im rechten Arm. Unsere Mahlzeiten nahmen wir im Freien ein, wo uns die Hühner Gesellschaft leisteten. Der Hahn wich nicht von meiner Seite, weil ich ihm ab zu zu einen Bissen zusteckte. Als einmal der Nachschub etwas länger ausblieb, flog er hoch und landete in meinem Suppenteller, dass es spritzte. Er flatterte dann erschrocken auf der anderen Seite wieder zu Boden.

Wie ernst die Lage inzwischen geworden war, merkte man daran, dass, wer rechts der Limmat wohnte, angewiesen wurde, einen Rucksack mit dem Nötigsten bereitzuhalten, um jederzeit fluchtbereit zu sein. Dieser Rucksack stand bei mir lange Zeit in einer Ecke des Wohnzimmers. Ich kannte einen Mann von der Ortswehr, der sein Velo ständig neben seinem Bett stehen hatte. Ausserdem, so hiess es, sollte man einen Koffer mit Kleidern in der Westschweiz deponieren. Ich hatte mich eben mit einer Freundin in Vevey abgesprochen, als am Genfersee Bomben fielen….

Als ich einmal von einem Kurzaufenthalt bei Freunden am Vierwaldstättersee zurückfuhr, begegneten wir dauernd mit Matratzen und Bettzeug bepackten Autos. Wer ein Ferienhaus in der Innerschweiz besass oder mieten konnte, brachte seine Familie dorthin.

Einschränkungen gab es viele. In den Parks waren die Rasenflächen verschwunden. Auf dem Sechseläutenplatz wurden Kartoffeln angebaut, gemäss Anbauplan von Bundesrat Wahlen. Die Schweiz war auf Selbstversorgung angewiesen. Auf den Überlandstrassen waren die Wegweiser abgeschraubt worden. Landkarten konnte man keine mehr kaufen. In den Ortschaften war Verdunkelung vorgeschrieben. Kein Licht durfte aus den Fenstern fallen und Strassenbeleuchtung gab es keine. In der Innenstadt von Zürich habe ich mich einmal ganz gehörig verlaufen.

Auf der Kleinbühne des „Cornichon“ im Niederdorf durfte „durch die Blume“ alles ausgesprochen werden, was den Menschen am Herzen lag. Zarli Carigiet blieb mit seinem Lied „Heissi Maroni“ lange Zeit unvergessen. Es war so eine Art Ventil gegen die Formel des Bundesrats: „Wer nicht schweigen kann, schadet der Heimat“, die überall, vor allem in Trams, angeschlagen war.

Was die Flüchtlingspolitik anbetrifft, so besass der Bundesrat nicht das Vertrauen weiter Bevölkerungskreise. Die Herren von Steiger und Pilet-Golaz waren sehr umstritten. Es ist ein Unrecht an der Kriegsgeneration, die Schweiz auf die Banken zu reduzieren, wie das geschah. Was die Landfrauen, deren Männer an der Grenze standen, geleistet haben, war enorm. Die berüchtigte Eingabe der zweihundert, welche vom Bundesrat die Anpassung ans Dritte Reich forderte und die auch von einem bekannten Winterthurer Arzt unterschrieben war, erntete nur Verachtung.

Nachdem der englische Marshall Montgomery bei El Alamain Rommels Afrikacorps besiegt hatte, wurde er überall in den Bastelstuben als Stoffpuppe für die Kinder nachgebildet und liebevoll „Monty“ genannt.

Nachdem ich wieder nach Winterthur zurückgekehrt war, liess ich mich zur Sanität umteilen. Das hatte den Vorteil, dass ich zusammen mit meinem damaligen Chef Dienst tun konnte. Mein erster Einsatz war in der MSA (Militär-Sanitätsanstalt) Grindelwald. Als der Quartiermeister merkte, dass das herrliche Brot vom Dorfbäcker reissenden Absatz fand, liess er es sauer werden, ehe er es ausgab. Ich reagierte darauf mit Magenverstimmung. Da schichte mir meine Mutter Brotmarken, so dass ich mir mein eigenen Brot kaufen konnte. Das nahm ich dann in einem Stoffsäcklein mit zu Tisch. Einmal liess ich es aus Vergesslichkeit liegen, und als ich zurückkam, um es zu holen, war es weg. Heute ist Brot keinen Diebstahl mehr wert. Die meisten Lebensmittel waren rationiert, und man pilgerte weit, um in einer Bauernwirtschaft in den Genuss von Butterrösti mit Spiegeleiern ohne Marken zu kommen.

Am ersten Sonntag im Mai 1945, als die deutsche Front nördlich von Schaffhausen am zusammenbrechen war, machte ich mit einer Freundin eine Wanderung über den Randen. Auf dem Hagen (900m) verloren wir in einem plötzlichen Schneegestöber den Weg. Querwaldaus erreichten wir oberhalb Beggingen durchfroren den Waldrand. Da standen die Bauern mit Feldstechern auf den Wiesen und hielten nach Flüchtlingen Ausschau. Die wurden jetzt wagonweise von der Grenze bei Schleitheim nach Schaffhausen gefahren. Nur unser Zürcher Dialekt bewahrte uns davor, einem solchen Camion zugeteilt zu werden. In einem davon kam die Schriftstellerin Alja Rachmanova in die Schweiz.

Tags darauf musste ich ins Flüchtlings-Auffanglager Buchs im St. Galler Rheintal einrücken. Dort wurden die Flüchtlinge verpflegt und desinfiziert, ehe sie an ein Lager im Innern des Landes weitergeleitet wurden. Mein Chef hatte zusammen mit seinem Ingenieur-Schwiegervater eine Desinfektions-Anlage entwickelt, die dort zum Einsatz kam. Er hiess deshalb bei allen nur der Floh-Oberleutnant. Während wir die Menschen, aus der ärztlichen Untersuchung kommend, mit Rebspritzen voller Desinfektionslösung abspritzten, durchliefen ihrer Kleider einen separaten Desinfektionsweg und konnten am Schluss wieder gereinigt in Empfang genommen werden. Am Vormittag waren die Männer dran, am Nachmittag die Frauen. Als ich ein einjähriges Kind für die Prozedur auf den Arm nahm, warnte mich der diensttuende Arzt: es habe Krätze. Aber das war mir gleichgültig. Schliesslich trug ich ja einen Schutzanzug. Ich konnte das arme Geschöpfchen doch nicht einfach auf den Zementboden setzten.

Es gab Tage mit bis zu dreissig verschiedenen Nationalitäten aus deutschen Gefängnislagern. Ein paar Inder (Indien war damals noch englische Kronkolonie) verblüfften mich durch ihre guten Deutschkenntnisse. Auf meine Frage antwortete der eine: „Ich immer mit Fräulein gesprochen, dann gut Deutsch lernen.“

Aus Dachau kamen junge polnische Studenten mit ihren schwarzweiss gestreiften Sträflingsanzügen. Sie waren so schwach, dass sie ins Bett getragen werden mussten. An den Achsen von Güterzügen zwischen den Rädern hängend, hatten sie die Reise geschafft. Wer zu schwach war, fiel unterwegs ab… Mit dem Geschenk eines Notitzblocks samt Bleistift konnte man diesen Menschen Freudentränen entlocken. Das hatten sie jahrelang nicht mehr gesehen.

Über die Seesaplana kam eine weissrussische Familie. Damit sie ihr 80-jähriges Mütterchen hinübertragen konnten, mussten sie all ihre Habseligkeiten wegwerfen. Einmal hatte ich Befehl, einen älteren Russen zu beaufsichtigen, der auf dem Bahnhof etwas für Ordnung sorgen sollte. Wie ein Hündchen folgte er meinen Anweisungen. Da standen Waggons voller Lumpen herum, auf denen in einer dichten grauen Schicht die Läuse umherkrochen.

Eines Tages nahm mich ein Franzose zur Seite. Er habe da in seinem Köfferchen einen guten Anzug. Ob ich ihm nicht eine Ecke zum Umkleiden zuweisen könne. Er sei nämlich Schneider und wenn er länger hier bleiben dürfe, würde er mir gerne etwas Schönes nähen.

Es gab aber auch undankbare Gäste. Eine deutsche Schauspielerin wies den Kaffee, den man ihr ausschenkte, zurück mit den Worten: „Diesen Kaffee trinke ich nicht, da ist ein Floh drin“. Darauf antwortete der Hilfssoldat: „Der ist nicht von uns.“

An dem Tag, da der Waffenstillstand verkündet wurde, standen auf dem Platz zwischen den Baracken ein paar deutsche Landser herum. Bisher hatte gemäss stillschweigendem Abkommen niemand mit ihnen gesprochen. Jetzt aber schrien wir im Chor auf sie ein . „Wir haben Frieden!“. Die Kirchglocken läuteten, am Nachmittag fand ein Dankgottesdienst statt, und am Abend wurde uns ein feines Nachtessen in einem guten Gasthof geboten. Die Erleichterung war so ungeheuer, dass ich voll Übermut die im Garten hängende Schaukel bestieg und mich hoch in die Luft schwang. Und als dann nach dem Krieg Churchill mit seiner Tochter Mary Zürich einen Besuch abstatte, strömten die Menschen in Scharen auf den Fraumünsterplatz, um ihn zu sehen und zu hören und ihm zuzujubeln. Man wusste, wie viel man ihm zu verdanken hatte.

Schauspielerei
Schon als ganz kleines Kind wurde ich dazu angehalten für den Samichlaus und das Christkind ein Verslein aufzusagen. An Hochzeiten musste ich, gekleidet in der Tösstaler Tracht, mit dem „Chellemeitli“ aufwarten. Das Auswendiglernen fiel mir leicht. Dann in der Schule inszenierte ich mit meinen Gespänli jeweils am Schulsylvester kleine Stücke. Ich erinnere mich noch, wie ich einmal in einer männlichen Rolle verzweifelt versuchte, eine Zigarette in Brand zu halten.

Ein Lehrer aus unserem Bekanntenkreis bemühte sich besonders darum, mich sprachlich zu bilden. Später, als ich in Zürich wohnte, trat ich dem Dramatischen Verein ein und danach der Freien Bühne Zürich bei.

Es war die Zeit, wo Hitlers Drittes Reich die besten deutschen Schauspieler nach Zürich spülte, die Hohe Zeit der Pfauenbühne. Therese Giehse, Ernst Ginsberg, Erwin Parker waren da und der Stern von Maria Becker ging auf. Will Quadflieg war nicht nur ein hervorragender Schauspieler, sondern auch ein schöner Mann, und die Mädchen von der Höheren Töchterschule auf der Hohen Promenade belagerten oft scharenweise den Bühnenausgang, wodurch sie ein beträchtliches Verkehrshindernis bildeten. Alexander Moissi, Albert Bassermann und Tilla Durieux gaben Gastspiele. Ich vergesse nicht den rasenden Applaus, da Moissi als Don Carlos vor Philipp II kniend, ausrief: „König, gebt Gedankenfreiheit!“

Durch Freunde kam ich in Kontakt mit einer österreichischen Schauspielerin. Sie bewohnte als Kriegsflüchtling eine primitive Dachkammer am Neumarkt. Das Wasser musste sie sich von einem Hahn auf dem Estrich holen. Ich bot ihr mein Badezimmer zur gelegentliche Benützung an. Aber auch bei mir floss das warme Wasser nur an Wochenenden. Da Flüchtlingen das Arbeiten verboten war, besass sie buchstäblich nichts und hatte sie etwas zu essen, wollte sie es mit ihrem Besuch teilen. Einmal sass ich bei ihr, als auf dem Estrichboden Schritte hörbar wurden: die Fremdenpolizei. „Nehmen sie Stunden?“ wurde ich gefragt. Natürlich durfte ich es nicht zugeben.
Sie studierte mit ihren heimlichen Schülerinnen ein Stück ein, dass dann in der jüdischen Gemeinde zur Aufführung kam, und dessen Erlös an die jüdische Flüchtlingshilfe ging.

Sie hat dann später mit Hilfe ihres Gönners das Theater an der Winkelwiese gegründet: Maria von Ostfelden. Sie riet mir, mich als Sprachtherapeutin ausbilden zu lassen und wies mich an einen Professor, der sich damit befasste. Als ich bei ihm vorsprach, fertigte er mich mit den Worten ab: „Schuster bleib bei deinen Leisten!“ Das habe ich dann schlussendlich doch nicht getan.

Noch immer liebäugelte ich insgeheim mit der Schauspielerei. Ich schrieb an Albert Bassermann und bat ihn um seinen Rat. Seine liebenswürdige Antwort schloss mit dem Satz: „Wenn es Ihnen nicht unter den Nägeln brennt, lassen Sie die Finger davon“.

Später dann beschränkte ich mich auf Rezitation und hatte oft in kleinem Kreis eine Hauch von Sprachkultur verbreiten können. Noch heute, wenn mir ein Gedicht gefällt, lerne ich es auswendig, und wenn ich nachts wach liege, memoriere ich mein kleines Repertoire und schlafe dann dabei gewöhnlich ein.

Berufsleben
Mit der Berufswahl tat ich mich schwer. Ich besass wohl vielseitige Interessen, aber keine eindeutige Begabung. Eine offizielle Berufsberatung gab es noch nicht. Meine Mutter fuhr mit mir nach Zürich zu einem privaten Institut. Da sagte ich dann, ich möchte am liebsten etwas lernen, wo ich mit Tieren zu tun hätte. „Lernen sie Kinderpflegerin“, erhielt ich zur Antwort. Das war die ganze Beratung.

Schliesslich landete ich in der Lehramtsschule. Die Schule machte mir Freude. Aber eines Tages musste ich mir eingestehen, dass ich ohne Musikgehör und Zeichentalent und erst noch mit einer schlechten Schrift, im Lehramt fehl am Platze war. Ich entschloss mich für das Hauswirtschaftslehrerinnen-Seminar, weil mir die Ausbildung imponierte. Wohl stand ich nur noch 1 ½ Jahre vor der Matura, als ich aus der Schule austrat, doch ich musste auf dem kürzesten Weg zu Verdienst kommen, um meine Mutter zu entlasten. Und den Beruf würde ich nicht lange ausführen müssen, weil ich plante zu heiraten, sobald mein Freund das Studium abgeschlossen haben würde. Und dann hätte ich eine gute Grundlage für die Haushaltführung. Es kam dann aber alles ganz anders. Ich spürte irgendwie, dass ich mich lösten musste, obwohl es sehr weh tat.

Ich fühlte mich nicht wohl in dem Internat, wo ein kleinlicher Geist herrschte. Ich wollte aber, was ich nun einmal begonnen hatte, auch durchhalten. Jedes zweite Wochenende, an dem wir Dienst hatten und nicht nach Hause durften, erhielt ich von Tante Marie einen Expressbrief, in dem sie mir Mut zusprach. Ich habe ihr diese Briefe nie vergessen.

Die älteste der Lehrerinnen war gleichzeitig Kantonal-Inspektorin. Ihr plötzliches Auftreten in einer Schulküche war bei den Hauswirtschaftslehrerinnen sehr gefürchtet. Sie hatte die Gewohnheit, in den Unterricht einzugreifen und einen damit zu blamieren. Meine Schülerinnen spürten diese Spannung und eine meinte: „Was hat denn die Ihnen zu sagen?“

Sieben Jahre lang habe ich dann diesen Beruf ausgeübt, bis ich endgültig genug hatte. Einer meiner ehemaligen Sekundarlehrer, dem ich ab und zu begegnete, meinte, als ich ihn einmal zufällig auf einer Bergwanderung traf: „Merkwürdig, wenn man Sie in der Stadt sieht, machen Sie ein Gesicht wie ein Stadtpfarrer, hier aber strahlen Sie.“

Oft auf meinem Weg zur Arbeit kam ich an einem alten Strassenwischer vorbei. Wie er seinen Besen führte, das sah aus, als ob er beten würde. Dann dachte ich mir jedes Mal: so möchte ich arbeiten können.

Um das 28. Lebensjahr herum scheint sich in manchem Menschenleben eine Wende abzuzeichnen. Nun bot sich mir die Gelegenheit, bei einem jungen Arzt als Praxishilfe anzufangen. Ich hatte 50 Franken Anfangs-Monatslohn (Ein Arzt-Stellvertreter, meist ein cand.med. verdiente damals 25 Franken pro Tag). Es gab noch keine Arztgehilfinnen-Schulen. Das nötige Wissen und Können brachte mir mein Chef bei. Er ermöglichte es mir auch, als Hospitantin an der Uni der chemischen Übungen bei Professor Gloor und der Blut-Mikroskopie bei Professor Adler mit den Medizinstudenten beizuwohnen. Viel lernte ich dann auch im Militärdienst in der MSA (Militär-Sanitäts-Anstalt). In Grindelwald hatten wir viele Magen-Patienten. Die lagen dann jeweils in Reihen auf den Pritschen, mit dem Schläuchlein im Schlund. In zeitlichen Intervallen wurde ihnen mit der Spritze der Magensaft abgesaut. Wenn man damit beim Letzten angekommen war, kam gleich wieder der Erste dran. Nachmittags wurde titriert und das Resultat in einer Kurve aufgezeichnet.

Endlich hatte ich gefunden, wonach ich so lange gesucht hatte. Ich ging völlig auf in meiner Arbeit. Als ich nach vier Jahren die Stelle wechselte, gab mir mein Chef Hesses wunderbares Gedicht „Stufen“ mit auf den Weg. Nun bot sich mir die Möglichkeit, in einer Rheuma-Praxis nach Zürich einzutreten. Hier kam zu Labor- und Büroarbeiten noch Therapie hinzu. Das nötige Rüstzeug holte ich mir am Physikalischen Institut des Kantonsspitals, wo Els, meine jüngste Tante, Chef-Physiotherapeutin war. Die Massagetechniken brachte sie mir zu Hause bei. Nach abermals vier Jahren musste ich mich nach etwas anderem umsehen, das weniger körperlichen Einsatz erforderte. Auch das Pendeln zwischen Winterthur und Zürich belastete mich zusätzlich, denn meine Migräneanfälle waren mit den Jahren heftiger geworden. Ich konnte in einem Fabrikationsbetrieb als Bürochefin eintreten, wo ich meine Arbeit weitgehend selbst einteilen durfte. Ich absolvierte einen Kurs für doppelte Buchhaltung, und mein Chef ermöglichte mir die Teilnahme an einem Seminar für Personalführung.

Mit 55, nach 16 Jahren befriedigender Tätigkeit, habe dann nochmals die Stelle gewechselt, weil mir die Velofahrer-Mentalität (nach oben buckeln, nach unten treten) meines Mitarbeiters nicht mehr länger erträglich war. Mein Chef schlug mir zwar vor, als seine persönliche Sekretärin zu bleiben, aber ich lehnte ab. Damals bot ein Stellenwechsel in diesem Alter keine Schwierigkeiten.

Mit 62 wurde ich pensioniert. Das war Vorschrift in dem Betrieb. Ich hätte gerne weitergearbeitet, aber es gab keine Ausnahme. Selbst der oberste Boss, gleichaltrig mit mir, musste abtreten. Doch mittlerweilen waren meine beiden Tanten so alt geworden, dass sie froh waren, wenn ich ihnen das Mittagessen kochte. Daneben genoss ich die gewonnene Freiheit wieder vermehrt mit Wanderungen in der näheren Umgebung zusammen mit meinem Hund.

Wandern und Bergsteigen
Ich besass ein ungeheures Bewegungsbedürfnis, das mir über viele Lebensprobleme hinweghalf. Man ging damit eben nicht einfach zum nächsten psychologischen Berater, sondern hinaus in Wald oder Berge. Da es Tagesmärsche von bis zu zehn Stunden gab, fand ich kaum Begleiterinnen, die mithalten konnten, und zog meistens alleine los. Ich wählte die kürzeste Anfahrt, löste ein einfaches Billett und begann zu wandern, ohne zu wissen, wo ich abends nächtigen würde. Meistens waren es Jugendherbergen.

Das erste Mal nahm ich mir Graubünden vor. Ich fuhr nach Silenen im Reusstal, stieg über den Chrüzlipass nach Sedrun, dann weiter über den Lukmanier nach Olivone. Im Val Luzzone stopfte ich mich mit wilden Erdbeeren voll. Dann gings hinüber ins Valsertal. Auf der Zervreila-Alp boten mir die Sennen Unterkunft und Mahlzeit. Aus einem Topf ass ich mit ihnen echte Aelpler Magronen. Nachts auf dem Heu raschelten die Mäuse um meinen Rucksack. Als ich am Morgen talauswärts wanderte, dufteten auf den weiten Alpwiesen in üppigen Mengen die Prachtsnelken. Die Alp, die Nelken, der Stausee hat sie ertränkt. Auf dem Valserberg geriet ich in dichten Nebel. Ich wusste nicht mehr, wo ich den Abstieg ins Rheinwald suchen sollte. Plötzlich riss eine Lücke auf, und tief unter mir sah ich einen Sennen über eine Alp schreiten. Jetzt konnte ich mich wieder orientieren. Durch eine Halde voller Türkenbund lief ich abwärts. So gingen die Tage dahin. Am zweitletzten Ferientag befand ich mich noch zuhinterst im Avers. Ich besass nicht mehr viel Geld. Entweder ich musste mit nochmaligem Übernachten noch möglichst weit laufen oder so bald wie möglich einen Zug erreichen. Zu essen gab es nichts mehr. Unterhalb der Roffla-Schlucht nahm mich ein Auto mit bis nach Chur. Dort fehlte mir gerade noch ein Fünfer für das Billett nach Hause. Der wurde mir von der Frau hinter mir am Schalter geschenkt.

Im nächsten Sommer wollte ich das Wallis erkunden. Anmarschroute sollte das Berner Oberland sein. Ich fuhr nach Giswil am Brünig und erreichte über dem Hasliberg Meiringen. Es folgten Grosse Scheidegg, Kleine Scheidegg, von Lauterbrunnen zum Piz Gloria, der damals noch bescheiden Schilthorn hiess, und wo ich mühsam, die steile Grashalde hochkraxelte. Heute kann man sich die grossartige Aussicht leichter verschaffen. Aber da gehörte sie mir ganz allein. Dann erreichte ich über die Sefinenfurgge den Oeschinensee, wo ich ein erfrischendes Bad genoss. In Kandersteg befand ich mich jetzt. Am Ausgangspunkt fürs Wallis. Ich beabsichtigte, am nächsten Morgen über die Lötschenlücke ins Lötschental hinüberzuwechseln. In der Jugendherberge hatte ich eben meine frisch gewaschene Wäsche aufgehängt und den Obolus fürs Uebernachten bezahlt, als mich ein Anruf von zu Hause erreichte. Sie wussten nur, dass ich quer durchs Berner Oberland zog und in den Jugendherbergen nächtigte. Und hier hatten sie mich nun erwischt. Grossmutter war gestürzt und hatte den Schenkelhals gebrochen. Sie war in bedrohlichem Zustand, über 80 (künstliche Hüftgelenke waren noch unbekannt). Sie blieb noch ein Jahr lang bettlägerig, ehe sie sterben durfte. So fuhr ich denn noch am selben Abend mit dem nächsten Zug talwärts, während in greifbarer Nähe Eiger, Mönch und Jungfrau im Alpenglühen leuchteten.

Im folgenden Sommer knüpfte ich dort an, wo ich aufgehört hatte. Ich fuhr nach Kandersteg. Auf Gasteren übernachtete ich. Die Hütte war voll belegt, ein Massenlager. Wenn einer sich umdrehte, mussten es alle tun. Am frühen Morgen stieg ich über die Lötschenlücke ins Lötschental. Endlich lag das ersehnte Wallis vor mir. Aber ich musste seine Gunst erkämpfen. Es empfing mich mit stockdickem Nebel. Keinen von den vielen Wanderern, die mit mir aufgestiegen waren, konnte ich noch sehen. Wohl war die Route gut rot-weiss markiert. Aber mehr als einmal musste ich zu einem Wegzeichen zurückkehren, um mich neu zu orientieren, weil ich das nächste nicht finden konnte. Schliesslich erreichte ich dennoch die Lauchernalp. Hier besass Kunstmaler Albert Nyfeler aus Kippel eine Alphütte, die er hin und wieder zum Malen aufsuchte. In der Zwischenzeit versorgte eine Wirtschafterin vorüberkommende Berggänger. Ich kriegte ein winziges Kämmerchen zugewiesen, wo ich herrlich schlief. Als ich am frühen Morgen aufwachte,. grüsste mich aus dem kleinen viereckigen Fensterchen das Weisshorn strahlend weiss vor einem leuchtend blauen Himmel. Ich wanderte talaufwärts. Am Schwarzsee zog ich meine verschwitzte Bluse aus und legte sie zum Trocknen in die Sonne. Im Nu war sie von einem Schwarm Bläulingen bedeckt. Ich freute mich über die hübschen kleinen Falter und liess sie gewähren. Aber oh weh: Als ich die Bluse wieder anziehen. wollte, war sie voller winzig kleiner Löchlein. Die süssen Falter hatten wohl allzu gierig meinen Schweiss aufgesogen. Zuhinterst im Tal, auf der Fafleralp, spielten ein paar Kinder Fangen, einheimische zusammen mit Ferienkindern aus der Stadt. Ein kleines Aelplermädchen hüpfte zuoberst auf den Miststock und verkündete triumphierend: „Hie überkunnt er mi nit!“

Es gab noch keine Autos im Tal. Das kleine Strässchen war angenehm zu begehen. In Kippel setzte ich mich auf eine Bank mitten im Dörfchen und studierte meine Wanderkarte. Ein alter Mann gesellte sich zu mir und interessierte sich sehr für die Karte: Er habe eben als junger Bursche dem Professor Imhof bei der Vermessung für diese Karte helfen dürfen. Nun stand natürlich ein Besuch von Nyfelers Atelier an. Er war damals ein bekannter Maler, der auch Kurse erteilte. Wie beglückt war ich, als ich unter vielen schönen Aquarellen haargenau das Bild entdeckte, welches mich an diesem Morgen in meinem Fensterchen begrüsst hatte! Doch meine Finanzen erlaubten mir keine Eskapaden. Im Gespräch fand sich dann eine Lösung: Ich würde das Bild mit selbstgebackenen Kuchen bezahlen. Immer wenn er einen Kuchen brauchen könne, würde er mir berichten. Dann brachte die Post jeweilen einen grossen Plumcake nach Kippel. Wieviele es schliesslich waren, weiss ich nicht mehr. Das Bild aber hängt heute noch in meinem Esszimmer. Ich nächtigte auf der Faldumalp. Vor dem Einnachten stieg ich noch hinauf zu dem Punkt, von dem aus man einen Tiefblick aufs Leukerbad haben kann. Da lag es auch wirklich, tief im Schatten wie in einem Kessel. Und hier oben war die Welt so licht! Am Morgen folgte ich dem obersten Teilstück der LötschbergSüdrampe. In der winzigen Siedlung Jeitzenen zeigten sie mit Fingern auf mich. Sie waren keine Wanderer gewohnt. In Turtman war der Jugendherberge ein Kinderheim angegliedert. Am nächsten Tag führte ich die Kinder auf einer leichten Wanderung zur Turtman-Hütte.

Dann zog es mich weiter zum Val d’Anniviez. In Chandolin kam ich zum 1. August an. Im kleinen Hotel du Chamois war eine Equipe der Landesvermessung untergebracht. (Die Vermessung aus dem Flugzeug gab es noch nicht.) Die Gehilfen der Geometer waren Einheimische. Am Abend sass man zusammen beim Fendant, abwechselnd sangen die Walliser und die Deutschschweizer ihre Lieder. Dazwischen wurde getanzt, und wenn man erhitzt an den Tisch zurückkam, war das zuvor leere Glas wieder gefüllt. Später musste man dann die Zimmertüre gut abschiessen, denn der Fendant hatte es in sich.

Anderntags stiess meine Freundin zu mir. Zusammen stiegen wir aufs Illhorn, blickten hinunter in den schaurigen Illgraben und schwammen danach im eiskalten Illsee. Ueber St. Luc kamen wir nach Zinal. Von dort erkommen wir die Tracuit-Hütte. Hier begegneten wir zwei französischen Ehepaaren, die vorhatten, das Bieshorn, den „Damen-Viertausender“, zu besteigen. Sie erklärten sich bereit, uns mitzunehmen. Wir bildeten zwei Seilschaften. Einer der Männer nahm die zwei Französinnenen, der andere uns beide ans Seil. Noch vor Sonnenaufgang brachen wir auf. Oben war es so überwältigend, dass ich unvorsichtigerweise die Sonnenbrille abnahm, um die Welt in ihren reinsten Farben zu geniessen. Wir schauten und schauten, und die Zeit verging. Als wir uns schliesslich an den Abstieg machten, war der Gletscher bereits aper. Ein ums andere mal brachen wir in Spalten ein. Ich besass noch den Ehrgeiz, mich aus eigener Kraft herauszustemmen, meine Freundin jedoch hatte einen Schock gekriegt und konnte nur noch rufen: „Tirez, Monsieur, tirez!„ Sie wagte überhaupt nicht mehr, aufzustehen und wollte nur noch knieend weiterrutschen. Am Nachmittag lagen wir völlig erschöpft auf unseren Strohsäcken in der Hütte, und gegen Abend stiegen wir nach Zinal ab. Von dort fuhren wir nach Brig. In der Jugndherberge wollten wir über weitere Pläne beschliessen. Aber als ich am andern Morgen aufwachte waren meine Augen verklebt. Ich hatte eine ausgewachsene Bindehautentzündung.

Da gab es nur noch Eines: So schnell wie möglich nach Hause. Auch meine Freundin schien darüber nicht traurig zu sein. Nebenbei hatte ich bemerkt, dass sie recht viel Geld bei sich trug. Darüber befragt, gestand sie mir, dass sie gehofft habe, wir hätten in Zermatt einen Bergführer für eine Tour aufs Matterhorn nehmen können. Diesen Traum hatte sie, nun, nach der Eskapade Bieshorn, für alle Zeiten begraben.

Später habe ich dann in der Rosenlaui einen Kletterkurs besucht. Es war die erste Bergsteigerschule, von Bergführer Arnold Glatthaar aus Meiringen gegründet. Wir kletterten in den Engelhörnern. Einmal sassen wir auf so einer Spitze, als der Führer beschloss, statt abzusteigen abzuseilen. Nun hatten wir aber keine Abseilseile dabei. Also knoteten wir zwei Körperseile zusammen. Wegen des Knotens konnten wir aber nicht im Schenkel-Nackensitz hinuntergleiten. Wir mussten uns damit abfinden, dass das Seil auf dem Körper rieb. Ich beobachtete, wie der Mann, der schon oben auf dem Gipfel beim Anblick der Abseilstelle aus lauter Angst seine Blase vor aller Augen entleeren musste, alle paar Meter abstand. Ich rechnete mir aus, wie lange es dauern würde, bis alle unten wären, wenn jedes von der Gruppe dasselbe täte. In einem Zug war ich unten – aber wie: Setzen konnte ich mich nicht mehr. Das Seil hatte mir durch seine Reibungswärme, durch den Hosenstoff hindurch, eine lange Brandwunde zweiten Grades in der Gesässfalte beigebracht. Ich habe dann damit noch eine Hochgebirgs-Wanderwoche durchgestanden. Aber durch das Schwitzen und die mangelnde Hygiene beim Aufenthalt in den Clubhütten infizierte sich die Wunde, sodass mich mein Chef am ersten Arbeitstag zur Begutachtung ins Spital schickte .Dort meinten die Aerzte, sie würden mich am liebsten fotografieren und dem Glatthaar das Bild schicken. Ich bekam eine Woche Bettruhe und absolute Unbeweglichkeit verordnet. Diese habe ich auf einem Liegebett an meinem Arbeitsort verbracht, um liegend so viel wie möglich von der anfallenden Arbeit erledigen zu können.

An einem verlängerten Wochenende fuhr ich zusammen mit meinem Fahrrad mit dem Zug nach Luzern, pedalte ich von dort das Melchtal hinauf zur Stöckalp, wo ich es abstellte, um mich mit der Seilbahn zur Melchsee-Frutt tragen zu lassen. Bei meinem Streifzug durch die Bergwelt begegnete ich einem Wanderer, der mich auf die Möglichkeit hinwies, in einer Alphütte zu übernachten, deren Besitzer er kannte. So nächtigte ich denn mutterseelenallein in der einsamen Hütte. Nachts weckte mich ein seltsames Geräusch: tap – tap – tap. Wer mochte das in dieser Bergeinsamkeit sein? Ich knipste die Taschenlampe an. Ein grosser dunkler Schatten verschwand hinter dem Tisch. Taschenlampe aus, dann nochmals an: Wieder dasselbe. Als es mir dann endlich gelang, meine Hand mit der Lampe ruhig zu halten, stellte ich fest, dass der Schatten zu meinem Rucksack gehörte, welcher auf dem Tisch lag. Und als sich meine Nerven so weit beruhigt hatten, dass ich wieder klar denken konnte, stellte sich heraus, dass das tappende Geräusch vom auf das Hüttendach fallenden Regen herrührte.

An einem verschneiten Wintertag, als ich in Zürich wohnte – es war während des Krieges – nahm ich meinen Schlitten mit auf eine Tageswanderung. Ich stieg zum Uetliberg hinauf und wanderte von dort über den Albis. Auf dem einsamem Gratweg begegnete mir ein Rehbock. Mit gesenktem Kopf schritt er auf mich zu, ohne mich zu bemerken. Unmittelbar vor mir blickte er auf, erschrak, machte kehrt und war verschwunden. Vom Albispass fuhr ich auf meinem Schlitten ins Reppischtal hinunter und zog dann talauswärts. Als ich, von Birmensdorf aufsteigend, die Waldegg erreichte, war es bereits Nacht, und natürlich bei kriegsbedinger Verdunkelung stockfinster. Eben wollte ich mich auf den Schlitten setzen, um ins Triemli hinunterzufahren, als eine untersetzte Gestalt auftauchte. Sie schien denselben Weg zu haben wie ich. „Willst aufsitzen, Kleiner?“ Dankend nahm er an. Schon bald merkte ich, dass er den Schlitten sehr geschickt lenkte und überliess ihm deshalb stillschweigend das Steuern. Unten, als wir bei der Tramhaltestelle ankamen, wo es ein bisschen heller war, stellte ich zu meiner Verblüffung fest, dass ich einen Soldaten auf dem Schlitten hatte. Er war im Begriff in den Urlaub zu fahren. Sollte ich mich nun für meine Duzerei entschuldigen? Dann würde ich ihn vielleicht beleidigen, weil ich ihn für einen kleinen Jungen gehalten hatte. Immerhin, er war glücklich, so schnell in den Urlaub zu kommen. Also verabschiedete ich mich und schwieg.

Kurz nach dem Krieg verbrachte ich drei Ferienwochen in Grächen, das so herrlich auf der Sonnenterrasse über dem Vispertal liegt. Noch gab es keine Strassenverbindung zu dem Dorf. In St. Niklausen zog man die Bergschuhe aus dem Rucksack, überliess den Koffer einem Maultier und machte sich auf den Weg. Wer ein Schauspiel erleben wollte, begab sich vormittags um 10 Uhr zum Sammelplatz, wo die Maultiere eintrafen, welche die Post aus dem Tal heraufbrachten. Sobald sie entladen waren, warfen sie sich alle auf den Rücken und wälzten sich im Gras.

Es gab herrliche Streifzüge entlang der Bis, dieser sagenhaften Wasserleitungen des Wallis. Mit einer evangelischen Pfarrerin, die im gleichen Hotel wohnte, plante ich eine zweitägige Wanderung nach Saas-Fee. Von der Hannigalp aus folgten wir dem Höhenweg hoch über dem Saastal. Doch, kurz vor dem Ziel, suchten wir den Durchstieg vergeblich. (Heute ist dieses Hindernis, so viel ich weiss, behoben.) Es blieb uns nichts anderes übrig, als über eine ausgedehnte Gerölhalde nach Saas-Grund abzusteigen, und dort zu übernachten. So war uns Saas-Fee für den nächsten Tag vorbehalten. Als wir dann am Vormittag oberhalb des Kappellenweges im Gras sassen, um unsere durch die Mühsalen des Vortages mit Blasen bedeckten Füsse zu pflegen, bekamen wir den Zorn eines katholischen Priesters zu spüren, weil wir es wagten, dem Herrgott unsere entblössten Füsse zu zeigen.

Mit dem Postauto fuhren wir das Saastal hinunter nach Stalden. Dort gab es einen primitiven Aufzug, mit dem man sich auf die Höhenterrasse von Grächen bringen lassen konnte. Es war ein einfaches Brett an einem Seil, welches über eine Rolle lief, und wurde vor allem für Waren benutzt. Als wir erfuhren, dass einmal ein Milchkannli heruntergefallen sei, beschlossen wir, trotz unserer wunden Füsse, aus eigener Kraft hochzugehen.

Im Hotel begegnete ich auch einem ehemaligen Lehrer von der Mittelschule. Wir nahmen zusammen einen Führer und bestiegen mit ihm das Nadelhorn. Es wurde meine letzte Hochgebirgstour. Ich spürte, dass meine Kräfte für grosse Herausforderungen nicht mehr ausreichten und trat fortan bescheidener auf. Mit der Zeit war auch vieles anders geworden in den Alpen. Als in den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Bahn auf den Säntis gebaut werden sollte, wollte ich noch ein letztes Mal zu Fuss hinauf. Im Herbst, wenn das Gasthaus bereits für den Winter geschlossen hatte, pflegte der Wetterwart die Berggänger aufzunehmen. Dann durfte man bei ihm in der gemütlichen Stube bei einer feinen Rösti sitzen und plaudern. Das ist nun für immer vorbei.

Als Kinder bereitete es uns noch Vergnügen, während einer Bahnfahrt das Tessin hinunter zu versuchen, die vielen Wasserfälle zu zählen, welche auf beiden Talseiten von den Felsen sprangen. Es gibt sie nicht mehr. Die Kraftwerke haben sie verschlungen. Während eines Aufenthalts im Brigerbad wollte ich einmal die kleine Kappelle auf Bettmeralp wiedersehen, welche mir in meiner Jugend solch tiefen Eindruck gemacht hatte. Ich suchte sie langezeit vergeblich. Schliesslich fand ich sie, eingepfercht zwischen neuen Ferienchalets. Ich hätte heulen können: Ihren Zauber hatte sie der Weite der sie umrahmenden Bergmatten verdankt. Er war für immer dahin. Und durch die Gassen kurvten Elektromobile.

Der Traum vom Fliegen
Kurz nach dem Krieg verbrachte ich Ferien in Holland. Der Wechselkurs war günstig, und so konnte ich mir zum ersten Mal einen Flug leisten, von Amsterdam an die Südgrenze des Landes, nach Maastricht. Die Vorfreude war so gross, dass ich die Nacht zuvor kaum schlief. Die Flugzeit dauerte eine Stunde, und am Abend war ich wieder zurück in meinem Hotel. Die Topographie erlaubte eine relativ geringe Flughöhe, sodass man das Bild der rotblühenden Heide in sich aufnehmen konnte.

Bei einem Kuraufenthalt in Bad Wörishofen bot sich mir die Möglichkeit, auch das Segelfliegen als Passagierin auszuprobieren. Nur das Geräusch des Windes über den Tragflächen, das war faszinierend. In der Lenk hatte ich das Glück, im Hotelier einen angehenden Privatpiloten zu finden, der mich auf einen Trainingsflug in einer Sportmaschine mit seinem Fluglehrer mitnahm, über die Berner Oberländer Alpen.

Ich habe später keinen Langstreckenflug so sehr genossen wie diese kleinen Eskapaden. Das überwältigendste Erlebnis aber war doch die Ballonfahrt. Seit der Lektüre von Stifters Condor in meiner Jugend hatte dieser Wunsch latent in mir geschlummert. Nun war ich entschlossen, ihn Wirklichkeit werden zu lassen. Ich erkundigte mich beim Aeroclub und wurde einem Piloten zugeteilt. Es war Fred Dolder aus Thalwil.An einem strahlenden Pfingstmontag stiegen wir von Schlieren im Gasballon auf, insgesamt vier Personen im Korb. Man hatte den Pass einstecken müssen, weil ja die Fahrtrichtung von der Luftströmung abhängig ist und man somit nicht wusste, wo der Ballon niedergehen würde. Wir gewannen rasch an Höhe und unten auf der Erde schrumpfte alles zu Spielzeuggrösse zusammen. Da wir uns mit dem Wind bewegten, spürte man keinen Luftzug. Dieses ruhige Dahingleiten vermittelte das Gefühl, im Mittelpunkt der Welt zu sein. Mit geschickter Dosierung von Gas und Ballast gab es auf dem Mutschellen eine Zwischenlandung, eine Hofratslandung. Die Jugend der Gegend war herbeigeeilt und hielt den Korb an den Seilen fest, damit wir ihn für kurze Zeit verlassen konnten. Dann gings weiter, diesmal in nördlicher Richtung. Die stolze silbrige Ballonhülle war inzwischen schlaffer geworden und in der Nähe von Glattfelden streiften wir knapp über den hellgrünen Kronen eines Eichenwaldes dahin, ehe wir auf freiem Feld landen konnten.

Ich habe mein Leben lang von diesem Erlebnis gezehrt. Hätte es damals schon die Möglichkeit des Gleitschirmfliegens gegeben, ich glaube, ich hätte auch dieses ausprobiert. Der heutigen Jugend stehen ja eine Fülle von Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung offen, von denen wir Gestrigen nur träumen konnten. Wozu brauchts da noch Drogen?

Vor allem Hunde
Tiere hatten es mir schon immer angetan. Kaum konnte ich lesen, wollte ich alljährlich meinen Tierschutzkalender haben . Bei einem Besuch bei meiner Berner Grossmutter blieb ich einmal mit dem Kopf zwischen den Stäben des Balkongitters stecken, weil ich unten auf dem Hof ein Kätzchen entdeckt hatte, das ich nicht mehr aus den Augen lassen konnte. Mit viel Mühe konnten sie mich schliesslich aus meiner misslichen Lage befreien. Mein Betteln um eine eigenes Tier bleib erfolglos. Ich versuchte es vom Häschen über einen Papagei bis zur Katze. Eine Katze kam aber gar nicht in Frage wegen des Katzenkomplexes meiner Tante. „Ein Vögelchen kannst du haben“, hiess es. Aber ich wollte kein eingesperrtes Tier.

So sammelte ich Weidenkätzchen, das dann meine Schafherde wurde, die ich mit der Schere sorgfältig herumschob. Auf dem Schulweg kannte ich alle Katzen und Hunde der Umgebung. Dann tauchte eines Tages der Springer Spaniel Flock auf. Mein Cousin hatte ihn seinen Eltern gebracht, die bei uns im Haus wohnten, weil er ihn aus beruflichen Gründen nicht mehr halten konnte. Ich war überglücklich. Flock wurde der Gefährte meiner Kinderjahre. Ich durfte mit ihm ausgehen, mit ihm spielen, wenn Tante und Onkel es erlaubten, aber er gehörte nicht mir. Als sie wegzogen, nahmen sie ihn mit.

Später auf einer Wanderung mit einer Freundin wäre ich beinahe zu einem Kätzchen gekommen. Wir waren nach Brugg gefahren und wanderten auf dem Höhenweg des Jurarückens von Dreilinden Richtung Weissenstein. Auf dem Herzberg schloss sich uns ein halbwüchsiges Kätzchen an. Es lief ganz einfach mit wie ein Hund und war nicht abzuschütteln. Offizielle Übernachtungsmöglichkeiten gab es auf diesem Weg keine. Wir baten in einem Bauernhof um Unterkunft auf dem Stroh und erhielten ein Zimmer mit zwei Betten angeboten. Dass wir ein Kätzchen dabei hatten, wagten wir nicht zu sagen. Erst als es am nächsten Morgen nicht zu sehen war, fragten wir nach ihm. Die Leute hatten sich schon gewundert, woher das Tier plötzlich gekommen war. Freunde von ihnen, die an jenem Abend zu Besuch waren hatten es mitgenommen. Ich war traurig, denn meine Freundin und ich hatten bereits abgemacht, dass es diejenige nach Hause nehmen dürfe, der es zuletzt nachlaufen würde.

Ich ging gegen die Vierzig als ich endlich zu meinem ersten Hund kam. Von meiner damaligen Chefin durfte ich mir alljährlich zu Weihnachten etwas wünschen. Nun kam ich auf die Idee, es mit einem Hund zu versuchen. Ein Geschenk konnten sie ja zu Hause nicht zurückweisen. Da es ein Rassehund sein sollte, kamen wir überein, dass ich den über das Budget hinausgehenden Preis selber tragen sollte. Die Züchterin der gewählten Rasse – es waren Sherties- empfahl mir, als ersten Hund nicht einen Welpen zu wählen. Sie bot mir eine zweijährige Hündin an, mit der sie nicht züchten konnte. Vor den Weihnachtsferien nahm ich den Hund dann nach Hause. Zuhause gab es jedoch einen grossen Aufruhr: „Eine Hündin kommt gar nicht in Frage. Wir wollen kein Geläuf von Rüden vor dem Haus!“ Es blieb mir nichts anderes übrig, als nach den Feiertagen das Tier wieder zurück zu bringen. Als ich dann weinend auf dem Sofa bei der Züchterin sass, kam sie mit einem halbjährigen Junghund, den jemand aus irgendwelchen Gründen zurückgebracht hatte. Ich wollte es an den Neujahrsfeiertagen mit ihm versuchen. Nun entwickelte ich eine Strategie: Ich trat in Hungerstreik. Mittags konnte ich an meinem Arbeitsort etwas essen, aber abends, wenn ich nach Hause kam, begab ich mich sofort auf mein Zimmer und schloss mich ein. Als die Woche zwischen Weihnachten und Neujahr vorüber war, besass ich das Einverständnis, dass ich meinen Hund nach Hause bringen durfte.

Nun schien das Leben für mich erst wirklich zu beginnen. Ein Hund bedeutete für mich nun einmal eine Lebensnotwendigkeit. Grill war mein kleiner Bruder geworden. Er hat mir über grosse Probleme in jener Zeit hinweggeholfen. Als er dann 15-jährig an Urämie starb, lag ich zwei Tage lang krank im Bett. Mittels einer ausgedehnten Korrespondenz suchte ich nun in England einen Hund aus der gleichen Blutlinie. Vor den Osterfeiertagen konnte ich Magpie am Flughafen abholen. Als Els das Hündchen sah, ging die Hölle los. Ein ganzes Jahr lang hat sie kein Wort mehr mit mir gesprochen, weil ich es gewagt hatte, ohne ihr Einverständnis einen Hund anzuschaffen. Dabei hatte ich ja meinen eigenen Haushalt.

Jeden Morgen um fünf Uhr, ehe ich zur Arbeit ging, machte ich mit ihm einen Gang durch den Wald. Magpie war ein liebenswürdiges Geschöpf, aber ein Leben lang kränklich. Dennoch war auch er 15 Jahre alt, als er starb. Inzwischen war ich pensioniert worden und einem neuen Hund stand nun nichts mehr im Wege. Jetzt hatte ich auch Zeit für stundenlange Wanderungen. Es war Garnet, der nun in mein Leben trat. Es war von allem Anfang an eine wunderbare, harmonische Beziehung, ein wahres Gottesgeschenk. Als er älter wurde, bekam ich es mit der Angst zu tun. Sollte er fünfzehn werden wie die beiden anderen Hunde, dann wäre ich wohl zu alt für einen jungen Hund. Doch meine Ärztin sagte mir auf eine entsprechende Äusserung: „Man ist nie zu alt für einen jungen Hund.“

So holte ich denn Hylas ins Haus. Garnet benahm sich wie ein Vater zu dem Kleinen, doch schien er es mir übel zu nehmen, dass ich unsere Zweisamkeit durchbrochen hatte. Garnet starb mit 15 Jahren. Für mich brach eine Welt zusammen. Doch war es auch noch so ein grosser Schmerz, ich war nun in einem Alter, in dem ich auch gelernt hatte, loszulassen. Hylas hat ihn nur drei Jahre überlebt. Er starb bereits elfjährig an einer seltsamen Lähmung.

Ich war nun 86. Was sollte ich tun ohne Hund? Da erboten sich Freunde, den Hund zu übernehmen, falls mir etwas zustossen sollte. Phöbos, mein neuer Gefährte, war erst sechs Monate alt, als ich mir bei einem Sturz einen Beckenbruch zuzog. Meine Freunde hielten Wort und übernahmen den Hund für ein halbes Jahr. Danach kam er wieder zu mir.

Nicht nur die Hunde selber haben mein Leben bereichert. Einige meiner besten Freundschaften habe ich ihnen zu verdanken. Hunde schaffen Kontakte.Ich habe keine Ferien ohne meinen Hund verbracht. Immer war er mit dabei, manchmal selbst im Flugzeug. Sein Leben ist so kurz, da sollte man jeden Tag mit ihm zusammensein.

Epilog
Es war ein turbulentes Jahrhundert, in dem ich gelebt habe, voller Umwälzungen. Mahatma Gandhi und Albert Schweitzer haben gewirkt und Einstein hat seine Relativitätstheorie entwickelt. Der Dalai Lama lebt seine ergreifende Menschlichkeit. Hermann Hesse hat seine herrlichen Gedichte geschrieben. Wertvolle Menschen wurden ermordet, andere sind geboren worden. Radio, Fernsehen und Mobiltelefon, Waschmaschinen, künstliche Gelenke und Kühlschränke sind Erfindungen dieser Zeit. Die Computertechnik hat ihren Siegeszug durch die Welt angetreten. Zwei Weltkriege sind über die Bühne gegangen. Das wohl überwältigendste Ereignis war für mich aber die Mondlandung im Sommer 1969.

Die Welt befindet sich im Umbruch. Am Horizont drohen Zusammenbruch des ökologischen Gleichgewichts, Klimakollaps, die unabsehbaren Folgen der Gentechnologie und die Atombombe. Es sieht nicht danach aus, als ob der blaue Planet Erde überleben würde. Doch ich glaube daran, dass in ferner Zukunft ein neues Zeitalter kommt, von dem wir heute noch keine Ahnung haben.

Für mich selbst kann ich sagen: Gewiss ich habe Fehler gemacht in meinem Leben. Doch Spitteler hat einmal geschrieben : „Warum ist einer denn nicht einfach gut?“ Das habe ich versucht. Ob es genügt? Vielleicht sollte man an Heinz Weigand denken, der schrieb: „Petrus , nicht so viel Federlesen, lass mich immer nur herein, denn ich bin ein Mensch gewesen, und das heisst ein Kämpfer sein.“
Anne Weber