Das blutige Geheimnis der Wartstrasse

Die Wartstrasse sollte einst die Stadt Winterthur mit dem Schlösschen Wart in Neftenbach verbinden. So erzählt man es sich auf jeden Fall in der Stadt. Hinter der Herkunft des Strassennamens «Wartstrasse» könnte aber ein viel düstereres und blutigeres Geheimnis stecken.
Es erinnert ein wenig an Neuschwanstein: das Schlösschen Wart in Neftenbach. Versteckt im Rebhang ist der neugotische Bau nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Wie man sich in Winterthur aber erzählt, hätte dereinst eine Strasse das verschwiegene Märchenschloss direkt mit der Stadt verbinden sollen. Bis zum Burgtor hätte sich die Wartstrasse im Neuwiesen dann strecken sollen. Noch heute mahne der Strassenname an dieses nie verwirklichte Prestigeprojekt.

Bild: Schlösschen Wart in Neftenbach (Quelle: Landbote/mad)

Historiker Peter Niederhäuser hat sich mit der Geschichte des Neuwiesenquartiers eingehend beschäftigt. Er kennt die Geschichte, ist aber skeptisch. Neuwiesen sei das erste Quartier, das auf dem Reissbrett der Stadtplaner entstanden sei. Im Bebauungsplan von 1862 tauche ein erster Abschnitt der Wartstrasse auf; in späteren Etappen sei sie verlängert worden. Dass die Stadt Winterthur sie aber als Verbindungsstrasse quer durch das Land der damals unabhängigen Gemeinde Wülflingen geplant habe, hält Niederhäuser für äusserst unwahrscheinlich.

Blutiger Namenspatron

Die Freiherren von Sulzer-Wart zu Neftenbach, reiche Handelsleute aus Winterthur, besassen Land in der Nähe des Hauptbahnhofs. Sie sollen eher erbost gewesen sein über die städtische Bautätigkeit, fielen ihr doch Teile ihrer Obstwiesen zum Opfer. Strassen-Lobbyisten waren sie kaum. Den letzten Schlag gegen die Theorie der langen Wartstrasse liefert ein chronologischer Fakt: Der Bau des Schlosses Wart, als «letztes Schloss des Kantons», wurde erst 1889 aufgenommen. Also erst dreissig Jahre nach Projektierung der Wartstrasse. Zuvor residierten die Freiherren von Sulzer-Wart bescheidener, in einem Gutshaus.

Niederhäuser schlägt seinerseits einen weit blutigeren Namenspatron für die Strasse vor: Rudolf von Wart. An einem Maitag vor exakt siebenhundert Jahren wurde der Habsburgische König Albrecht I ermordet. Am Vortag hatte er noch bei Rudolf in Pfungen getafelt. Albrechts Neffe Johann «Parricida», getrieben von blutiger Erblust, lauerte dem Herrscher auf und spaltete ihm mit einer Axt den Kopf. Die Königsmörder blieben nicht ungestraft. Mitverschwörer Rudolf von Wart wurde gefasst, an den Schweif eines Pferdes gebunden zu Gericht geschleift und dort zum Tode durch Rädern verurteilt.

Bild: August Weckesser hängt in der Kyburg (Quelle: Landbote)

Rudolfs Gattin Gertrud von Balm bat auf Knien um Gnade für ihren Gatten. Als nichts half und Rudolf zerschlagen und aufs Rad geflochten wurde, harrte Gertrud drei Tage unter demselbigen aus; so lange dauerte Rudolfs Todeskampf. Der Historienmaler August Weckesser verarbeitete den Gerichtsprozess mit der aufopfernden Dame zu einem eindrücklichen Grossgemälde, das noch heute auf der Kyburg bestaunt werden kann.

Die Burg Wart wurde dagegen 1309, im Jahr nach dem Königsmord, in einem Blutrachezug dem Erdboden gleichgemacht. Das Geschlecht der von Warts starb kurz darauf aus. Nichts erinnert in Winterthur mehr an die alte Adelsfamilie. Nichts, ausser die Rudolfstrasse und die Gertrudstrasse im Neuwiesenquartier. Und eben wahrscheinlich die Wartstrasse.
Quelle: Landbote, 22. Juli 2008, Autor: Michael Graf